Karenztag & Fehlzeiten

Andreas
31.08.26 03:58 - Kommentar(e)

Der Karenztag: 
Wie man Krankenstand bekämpft, ohne die Ursache anzufassen

Bald geht es auch für die Politik wieder "Raus aus der Sommerpause" und rein in die Debatten, die Deutschland weiterbringen und stärken sollen... Der Hype um den Karenztag war groß, aber so eine Sommerpause bringt auch wieder Ruhe rein. Deshalb ist der richtige Tag, um das nochmal aufzugreifen.

Warum ein Tag ohne Lohn vor allem eines kostet: Vertrauen.

Berlin wird weiter über kranke Beschäftigte diskutieren. Genauer gesagt darüber, ob sie am ersten Krankheitstag künftig auf ihren Lohn verzichten sollen. Der sogenannte Karenztag ist zurück auf der politischen Bühne, und wie so oft bei solchen Vorschlägen lohnt sich ein zweiter Blick. Denn die Debatte behandelt ein Symptom. Die Ursache fasst sie nicht an.

Was in Berlin diskutiert wird

Den Aufschlag machte Anfang 2025 Allianz-Chef Oliver Bäte mit dem Vorschlag, den ersten Krankheitstag nicht mehr zu bezahlen. Seit dem Frühjahr 2026 prüft die Bundesregierung Kürzungen bei der Lohnfortzahlung als mögliche Reformmaßnahme, und im Juli befasste sich der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit Verschärfungen bei Krankschreibungen.

Das Argument klingt zunächst plausibel: Deutsche Beschäftigte fehlen im Schnitt rund 20 Tage pro Jahr, die Lohnfortzahlung kostet die Unternehmen Milliarden, also muss ein Anreiz her, sich seltener krankzumelden.

Nur: Deutschland hatte das alles schon. Der Karenztag wurde 1970 abgeschafft, der letzte Wiedereinführungsversuch scheiterte 1993. Und die Länder, die ihn heute haben, liefern das Gegenargument gleich mit. Frankreich kennt drei Karenztage, Schweden einen. Die Krankenstände dort sind mit unseren vergleichbar. Selbst der viel zitierte deutsche Rekordkrankenstand ist zum Teil ein Statistikeffekt: Seit die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung 2022 eingeführt wurde, wird schlicht lückenlos gezählt, was vorher in Papierform verloren ging.

Bemerkenswert ist auch, wer den Karenztag gar nicht will: die Arbeitgeber selbst. In einer Umfrage der Techniker Krankenkasse lehnten 65 Prozent von ihnen eine Kürzung der Lohnfortzahlung ab.

Die Zahl, die in der Debatte fehlt

Während über den ersten Krankheitstag gestritten wird, hat sich die Statistik dahinter still verschoben. Die DAK-Analyse für das erste Halbjahr 2026 zeigt erstmals: Psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für Fehltage. 184 Fehltage je 100 Versicherte, ein Plus von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit haben sie Atemwegserkrankungen (175 Tage) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (174 Tage) überholt.

Und jetzt die entscheidende Frage: Welchen dieser Fälle verhindert ein Karenztag?

Die Erkältung vielleicht. Wer sich mit Schnupfen einen Tag Lohnverzicht sparen will, schleppt sich ins Büro. Die Depression, die Angststörung, die Erschöpfung verhindert er sicher nicht - im Gegenteil: Die negative Belastung wird dadurch noch erhöht! Psychische Erkrankungen dauern laut Barmer im Schnitt 40 Tage pro Fall. Bei 40 Tagen Ausfall ist der eine unbezahlte Tag am Anfang wirtschaftlich bedeutungslos. Der Karenztag zielt also exakt auf die Fälle, die das kleinste Problem sind, und lässt die Fälle unberührt, die das größte sind.

Präsentismus: der teurere Zwilling des Krankenstands

Was der Karenztag stattdessen produziert, hat einen Namen: Präsentismus. Menschen kommen krank zur Arbeit, weil Zuhausebleiben Geld kostet. Sie stecken Kollegen an, machen Fehler, verschleppen Infekte und fallen am Ende länger aus. In Betrieben mit fünf oder zehn Beschäftigten reicht ein einziger Grippeherd, um eine ganze Abteilung lahmzulegen. Der vermeintlich gesparte Krankheitstag wird so zum teuersten Tag des Quartals.

Dazu kommt der Schaden, der in keiner Statistik auftaucht. Wer seinen Leuten signalisiert, dass Kranksein unter Verdacht steht, bekommt keine gesünderen Mitarbeitenden. Er bekommt Mitarbeitende, die sich nicht mehr trauen, ehrlich zu sein. Vertrauen ist in kleinen Betrieben das eigentliche Betriebskapital. Ein Karenztag verzinst es negativ.

Was Unternehmen stattdessen tun können

Die gute Nachricht: Auf die Zahlen, die wirklich wehtun, haben Arbeitgeber direkten Einfluss. Drei Ansatzpunkte:

  1. Ursachen messen statt Symptome bestrafen. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist ohnehin gesetzlich vorgeschrieben. Richtig gemacht zeigt sie schwarz auf weiß, wo im Unternehmen Zeitdruck, Dauererreichbarkeit oder unklare Zuständigkeiten Fehltage produzieren. Das ist kein Bürokratieakt, sondern die günstigste Unternehmensberatung als Pflicht-Erfüllung.

  2. Die Rückkehr gestalten. Bei 40 Tagen durchschnittlicher Falldauer entscheidet das Wiedereingliederungsgespräch über die nächsten Monate. Wer zurückkommt und am ersten Tag denselben überfüllten Schreibtisch vorfindet, ist der nächste Langzeitfall. Wir dürfen aktiv dafür sorgen, dass ein "zur Arbeit kommen" nicht eine Belastung, sondern eine Freude darstellt. Dazu braucht es keinen Obstkorb sondern die öffnende Frage: Wie machen wir das?

  3. Erreichbarkeit begrenzen. Klare Regeln, wann Feierabend Feierabend ist, kosten nichts und wirken sofort. Die Forschung zeigt seit Jahren denselben Zusammenhang: Wer nach Dienstschluss regelmäßig kontaktiert wird, entwickelt deutlich häufiger Stresssymptome. Dazu noch 1-2 Fokus-Zeiten pro Woche im Unternehmen etablieren und der erste große Schritt hin zu weniger Fehlzeiten ist bereits gegangen.

Fazit in drei Sätzen

Der Karenztag bestraft die Erkältung und ignoriert die Erschöpfung. Die Fehltage, die Betriebe wirklich Geld kosten, entstehen durch psychische Belastung, und die lässt sich weder wegkürzen noch wegkontrollieren. Wer Krankenstand senken will, braucht keine Lohnabzüge, sondern einen Blick auf die eigenen Arbeitsbedingungen.

Die größte Herausforderung dabei: Wir glauben, das Problem muss mit einer "riesigen neuen Theorie" geändert werden. Dabei reicht für den Beginn das Einfachste 0-8-15 Zeit-/Stressmanagement, wenn es wirklich strukturiert und in die Tiefe umgesetzt wird.


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Andreas