Psychische Belastung: Zwischen Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

Andreas
02.03.26 07:19 - Kommentar(e)

Mit der Aufnahme der psychischen Belastung in das Arbeitsschutzgesetz im Jahr 2013 hat insbesondere in größeren Unternehmen eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema begonnen. Häufig erfolgt diese jedoch primär aus der Perspektive des "klassischen Arbeitsschutzes" - also Checkliste raus, durchgehen, abhaken und wo notwendig Maßnahmen definieren. Da die Umsetzung gesetzlich nicht beschrieben ist, erfüllt man somit zumindest die Pflicht. Aber ob das reicht, um den betrieblichen Herausforderungen gerecht zu werden, ist fraglich.

Psychische Belastung: Ein Wirtschaftsfaktor
2024 gingen 38 Mrd. € an Bruttowertschöpfung aufgrund psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen "verloren". Hinzu kommen die Kosten für die Behandlung dieser Krankheiten (ca. 50 Mrd. €). Die psychische Belastung am Arbeitsplatz im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung zu analysieren führt natürlich nicht zur Verhinderung aller Ausfälle, aber dennoch liegt allein aufgrund der Bruttowertschöpfung schon ein wirtschaftlicher Faktor begründet.

Doch nicht nur die Bruttowertschöpfung und Krankheitskosten sind relevante ökonomische Faktoren in denen ein wirtschaftliches Potenzial liegt. Schauen wir uns die Betrachtungspunkte der Gefährdungsbeurteilung an zeigt sich, dass dadurch konkrete leistungsfördernde Maßnahmen abgeleitet werden können. Als "Stand der Technik" haben sich 6 wesentliche Betrachtungsfelder etabliert, welche nachweislich auch leistungsfördernde Faktoren beinhalten. 
Die Beschreibungen der 6 Themenfelder sind exemplarisch der BG-W entnommen.
  • Arbeitsinhalte/-arbeitsaufgabe
    zum Beispiel Vollständigkeit, Variabilität, Handlungsspielräume, Informationen, Qualifikation, emotionale Inanspruchnahme
    • Durch die Vollständigkeit der Arbeit lässt sich die Sinnhaftigkeit zur Tätigkeit und damit die emotionale Bindung zum Unternehmen stärken. Zusätzlich gewährt es einen "ganzheitlichen Blick" auf die Abläufe und Zusammenhänge, was zur Verbesserung der Qualität beitragen kann.
    • Die Schaffung von Handlungsspielräumen sorgt für eine größere Selbst-Organisation und dadurch bedingt zu weniger Management-Aufgaben oder Controlling-Strukturen die wiederum einen Aufwand nach sich ziehen. Ebenfalls kann es zu schnelleren und unkomplizierteren Lösungsansätzen beitragen.
    • Zielführenden Informations-Flüsse im Unternehmen sorgen dafür, dass die richtigen und wichtigen Informationen bei den betroffenen Personen ankommen und nicht durch eine Flut an Informationen entweder Zeit rauben oder Gefahr laufen unterzugehen
    • und eine passenden Qualifizierung der Arbeitnehmenden sorgt nicht nur für Wertschätzung und Bindung, sondern letztlich auch dafür, dass diese in Ihrem Aufgabengebiet zu den Besten ihres Fachs werden.
  • Arbeitsorganisation 
    zum Beispiel Arbeitsintensität, Störungen und Unterbrechungen, Kommunikation und Kooperation, Kompetenzen und Zuständigkeiten
    • Störungen und Unterbrechungen zu reduzieren sorgt für einen besseren Arbeitsfluss, vor allem aber durch eine höhere Leistung. Je nach Tätigkeit gehen durch ständige Störungen 20 - 50% der Leistung "verloren", weil eine Aufgabe immer wieder von neuem gedanklich angefangen werden muss.
    • Die Steigerung der Kommunikation und Kooperation sorgt dafür, dass die sozialen Bindungen gelebt werden und Herausforderungen gemeinsam schneller und bestmöglich gelöst werden, statt jeder für sich selbst. Vor allem sorgt es auch dafür, dass Fehler kommuniziert und die Lehren daraus abgeleitet werden können. So profitieren alle Mitarbeitenden von einem gemachten Fehler.
    • Klare Kompetenzen und Zuständigkeiten sind wi euach in der vorher genannten "passenden Qualifizierung" hilfreich, um das bestmögliche Ergebnis zu schaffen.
  • Arbeitszeit 
    zum Beispiel Dauer, Lage und Schichtarbeit, Vorhersehbarkeit und Planbarkeit, Pausen und Erholungszeiten
    • Pausen sind ein wesentlicher Leistungssteigerer: Siehe dazu unsere Veröffentlichtung "Mehr Leistung durch Auszeit und Pausen" in der AOK-Gesundheit: Zur Studie
    • Die Anpassung der Arbeitszeit an den Bio-Rhythmus und die "Umstände" der Mitarbeitenden (Kinderbetreuung, Anfahrt, etc.) sorgt zudem für ein besseres Klima und eine höhere Bindung an das Unternehmen.
  • Soziale Beziehungen 
    Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte
    • Verstehen sich Mitarbeitende untereinander, steigert das automatisch die Kommunikation (siehe Arbeitsorganisation) und die Bindung der Mitarbeitenden an das Unternehmen. Fühlt man sich mit den Menschen in der Umgebung wohl, kann das zudem positive Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit wie auch das Immunsystem haben und die Krankheitsanfälligkeit reduzieren.
  • Arbeitsmittel 
    zum Beispiel ungeeignete oder fehlende Arbeitsmittel, mangelhaft gestaltete Arbeitsmittel, Persönliche Schutzausrüstung
    • Während die PSA auch aus anderen Aspekten pflicht ist und passen muss, sind vor allem 
    • digitale Systeme häufig ungeeignet oder mangelhaft / umständlich. Das führt zur Mehr-Arbeit und unter Umständen auch dazu, dass geregelte Prozesse umgangen werden und es zu Fehlern oder fehlenden Abstimmungen kommt. 
  • Arbeitsumgebung 
    zum Beispiel physikalische, chemische und biologische Faktoren, ergonomische Faktoren
    • Auch hier spielen vor allem die "allgemeinen" Faktoren der Arbeitssicherheit eine große Rolle und sind bestenfalls bereits in der "normalen" Gefährdungsbeurteilung enthalten.
    • Vor allem die ergonomischen Faktoren und die Bürogestaltung führen zur Leistungssteigerung, wenn wir den Studien der Büro-Einrichter glauben schenken dürfen.

Alles hängt zusammen
Bei Betrachtung der 6 Kern-Faktoren zeigt sich schnell, dass alle Punkte auch zusammenhängen. Nicht zwingend - aber je nach Team und der Ist-Situation im Unternehmen könnte beispielsweise eine bessere soziale Bindung dazu führen, dass Mitarbeitende sich gegenseitig unterstützen und austauschen. So merken sie, dass Prozesse und Abläufe optimiert werden können. Durch den gewährten Handlungsspielraum setzen sie diese Anpassungen um und können einen Erfolg erzielen. Darüber berichten sie den KollegInnen, welche in ihren Prozessen nach einer Verbesserung suchen. Am Ende kann das Unternehmen einen wirtschaftlichen Vorteil damit erzielen und lädt die Mitarbeitenden zu einem Team-Tag ein. Dieser wiederum führt dazu, dass sich auch Mitarbeitende anderer Schnittstellen besser kennenlernen und für einen gemeinsamen Austausch sorgen.

Zugegeben, das ist die Optimal-Vorstellung die nicht immer erreicht wird. Aber auch nicht allzu selten stattfindet!

Andreas